"Gauhara: Eine außergewöhnliche Tänzerin..."

"Gauhara: Eine außergewöhnliche Tänzerin..."

Aus: "Halima", Fachzeitschrift für Orientalischen Tanz, 1999.

Es war auf der Orienta 1997, als ich Gauhara zum ersten Mal sah. Mein Mann, Peter, mit dem ich durch die Ausstellung schlenderte, rief plötzlich: "Tina, guck doch mal! Da passiert auf der Bühne was Interessantes". Etwas mißmutig, da ich gerade dabei war, mich für die eine oder die andere CD zu entscheiden, jedoch neugierig, wendete ich meinen Blick Richtung Bühne.

Es ist schwer zu beschreiben, was ich empfand, als ich sie dort stehen sah. Ganz in Gold gekleidet - auf eine Art, die mir sehr ungewöhnlich erschien. Irgendwie schlicht und doch sehr elegant. Bewegungen machend, die mir zum Teil fremd waren, aber eine starke Wirkung auf mich ausübten und an Pharaonischen Tanz erinnerten. Es war die Person, die mich gefangennahm. Ihre Austrahlung, Mimik und der Ausdruck - gepaart mit Gesten und Bewegung - die intensive, kraftvolle Art der Präsentation faszinierten mich.

Nachdem ich den ersten Eindruck aufgenommen hatte, betrachtete ich den Tanz. Es war die Königin Nefetiti, die den Zuschauern, deren Anzahl sich in der Zwischenzeit um ein vielfaches vermehrt hatte, vorgestellt wurde. So einen Pharaonischen Tanz hatte ich noch nie zuvor gesehen. Nichts war wie gehabt. Kostüm, Musik und Choreographie stellten sich als völlig unüblich dar. Nicht eine typische Pharaonische Pose löste die andere ab. Mir fremde Elemente wechselten , die Basis Orientalischer Tanz wurde jedoch immer wieder erkennbar.

Als die Vorführung zuende war, war es für einen Moment still im Saal. Danach setzte ein kräftiger Applaus ein. Peters Kommentar: "Das war toll! Das war total anders. Endlich mal was Neues". So dachten wohl viele; denn um uns herum hörten wir ähnliche Sätze. In diesem Augenblick stand für mich fest, diese Frau mußt du kennenlernen.

Nach kurzem Blättern im Messekatalog fand ich heraus, diese Tänzerin nennt sich Gauhara und kommt aus Braunschweig. Das im Heftchen abgebildete Foto von ihr meinte ich schon einmal gesehen zu haben. Bald darauf erinnerte ich mich. Es war ein Showartikel in einer Bauchtanzzeitschrift über eine Show in Norddeutschland. Auch dort war sie mit ihrem Tanz aufgefallen.

Da ich selbst tanze und öfter Workshops organisiere, überlegte ich, ob es nicht eine gute Idee wäre, Gauhara zu mir nach Rüsselsheim einzuladen, um dort ihre Art des Pharaonischen Tanzes zu vermitteln. Also rief ich Gauhara kurzerhand an. Mit diesem Telefonat begann eine Zeit, in der ich mit Gauhara häufig erfolgreich zusammengearbeitet hatte, und sich eine Freundschaft entwickelt hat, die auf der Orientalischen Tanzszene bestimmt nicht gang und gäbe ist.

Im Herbst 1998 hatten wir unsere letzte Begegnung, während derer ich dieses Interview mit Gauhara, einer der wenigen unkomplizierten, sehr freundlichen und warmherzigen Tänzerinnen, führte.


FATINA: Zu Beginn eines Interviews wird immer gefragt: "Wie bist du zum Orientalischen Tanz gekommen?" Ich möchte darauf verzichten, sondern viel lieber wissen, wie lange bist Du eigentlich schon dabei? Wie verlief Deine Entwicklung? Wer hat Dich maßgeblich beeinflußt und gelehrt?

GAUHARA: Angefangen habe ich vor ca. 12 Jahren. Die erste Profitänzerin, bei der ich Unterricht nahm, war NAHEMA aus Heidelberg. Sie kam ein Jahr lang einmal im Monat nach Braunschweig und unterrichtete verschiedene Basisthemen. Nahema setze für mich die Grundsteine für diese Tanzform. Daran schloß sich eine Zeit, in der ich überwiegend Workshops mit auf der Szene maßgeblichen Tänzer/Innen organisierte und selbst auch daran teilnahm, Shows organisierte, und so den Orientalischen Tanz in Braunschweig bekanntmachte - vor allem was die professionelle Ebene betrifft; denn hier kannte man die Stars nicht. Den Braunschweigern waren nur "Tänzerinnen" bekannt, die diese Tanzform auf eine Art präsentierten, von der sich heute alle distanzieren wollen.

Künstler wie SHAHRAZAD, FEYROUZ, ZAREFAH, MOMO, BEATA u. HORATIO, ZAHRA, um nur einige zu nennen, tanzten uns vor, was alles Orientalischer Tanz bedeuten kann. Maßgeblich beeinflußt hat mich wohl SHAHRAZAD. Ihre Form der Präsentation, ihre freundliche Art, mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen, ihr Können und Wissen haben mich sehr beeindruckt - und sie kam beim Braunschweiger Publikum sehr gut an! Irgendwann stellten wir einige Gemeinsamkeiten besonderer Art fest, was uns vermuten ließ, daß unser Zusammentreffen sicher kein Zufall war.

An die Zeit der organisatorischen Tätigkeiten schloß sich eine Phase, in der ich gerne selbst etwas für mich und meine Weiterentwicklung tun wollte. Das Orientalische reichte mir nicht aus. Ich wollte "richtig" tanzen können. Nach der Geburt meiner Tochter 1991, absolvierte ich eine Ausbildung in Modern Dance bei Sylvia Heyden in Braunschweig und hatte am Anfang das Gefühl, bisher nur "gewackelt" zu haben. Ich fing ganz unten an, erinnerte mich an die Ballettstunden, als ich noch klein war. Eine andere Art der Körperbeherrschung tat sich mir auf, und ich habe mich mit Freude durchgequält.

FATINA: Du hast mir alte Videoaufnahmen von Dir gezeigt, und ich kann das, was du sagst, nur bestätigen. Meiner Meinung nach waren schon Ansätze da, aber die jüngeren Aufnahmen zeigen schon einen deutlicheren Unterschied. Was mir besonders auffiel ist jedoch Deine Entwicklung innerhalb der letzten zwei Jahre. Es scheint, als seist Du körperlich und konditionell noch besser drauf, obwohl Du ja auch älter geworden bist. Wie kommt das?

GAUHARA: Fatina, Du hast recht. Es hat sich noch einmal etwas verändert. Ich habe seit meinem 15. Lebensjahr große Rückenprobleme, die sich während und nach der Schwangerschaft verstärkten (drei Bandscheibenvorfälle!). Nach diversen erfolglosen Therapien, krankengymnastischen Übungen usw. gelangte ich an einen Physiotherapeuten, der mit mir ganz ungewöhnliche und auch sehr unbequeme Übungen machte. Ich brauchte ca. 1 Jahr, bis ich begriffen hatte, daß seine Prophezeihungen und Übungen ernst zu nehmen waren. Heute bin ich in der glücklichen Lage, meine Probleme selbst lösen zu können, und habe auch, was meine körperliche Verfassung betrifft (strafferes Gewebe, muskuläre Qualität, gute Koordination) nur profitiert. Das zeigt sich natürlich auch im Tanz!

FATINA: Über Deinen Knackpopo hat man ja schon lesen können! (Orient Magazin, Heft Nr. 1998). Und wie ich sehen kann, ist das auch tatsächlich der Fall. Es scheint also nicht so zu sein, daß man ab einem gewissen Alter einfach hinnehmen muß, daß man "ALT" wird; denn ich darf es sagen, Du bist bereits 44 Jahre alt und hast auch erst spät mit Deinem Trainingsprogramm begonnen. Wie lange hat es gedauert, bis Du die ersten "Erfolge" gesehen hast, abgesehen davon, daß Du beschwerdefrei wurdest?

GAUHARA: Ich muß dazu sagen, daß meine Übungen wirklich anders sind, als die üblichen Fitnessprogramme. Der Physiotherapeut hat mit mir ein ganz neues Trainingskonzept erarbeitet. Nach ca. 3 Monaten bemerkte ich die ersten optischen Veränderungen.

FATINA: Du bietest Workshops und fortlaufende Kurse zu diesem Thema an. Was sind das für Frauen, die daran teilnehmen und warum tun sie es? Machen sie konstant mit?

GAUHARA: Es sind überwiegend Bauchtänzerinnen, die ihre tänzerischen Qualitäten optimieren möchten, mehr Fachwissen über Bewegung und alles was damit zusammenhängt erlangen wollen und obendrein ihre Optik verbessern möchten (z.B. keine wabbeligen Oberarme beim Schulterschimmy!). Andere haben sich zum Ziel gesetzt, bis zum nächsten Sommer endlich wieder in kurzen Hosen herumlaufen zu können, ohne neidvoll auf die strafferen Schenkel anderer Artgenossinnen zu schauen.

Die Teilnehmerinnen machen alle konstant mit. Wir trainieren immer in Kleingruppen (bis zu 8 Frauen), und jede Frau wird ihren persönlichen körperlichen Voraussetzungen entsprechend individuell betreut.

FATINA: Du hast seit zweieinhalb Jahren eine eigene Tanzschule in Braunschweig. Wenn Du persönlich so ein Programm absolvierst, wirkt sich das auch auf deinen Unterricht aus?

GAUHARA: Das bleibt nicht aus. Wenn du weißt, was ein Mensch braucht, dann gibst du es ihm, wenn du die Möglichkeit dazu hast. Er muß es nur noch annehmen. Natürlich profitieren meine Schülerinnen von den Kenntnissen, die ich mittlerweile erworben habe. Viele Frauen kommen mit Problemen im Bewegungsapparat zur ersten Unterrichtsstunde und stellen nach kurzer Zeit fest, daß sie sich nur eingeschränkt bewegen können, geschweige denn tanzen können. Mein Unterrichtskonzept ist auf physiotherapeutischer Basis aufgebaut und so konzipiert, daß jede Frau in kürzester Zeit ihre Defizite abgebaut hat, nicht zu Lasten anderer Körperteile arbeitet und ihren Körper optimal einsetzen kann - egal ob sie, nachdem sie die Grundlagen aufgebaut hat, auftreten möchte oder nicht - darum geht es in erster Linie nicht.

Nach dieser Vorbereitung ist es für die Teilnehmerinnen sehr einfach, die einzelnen Figuren des Orientalischen Tanzes zu erlernen. Frauen, die nach meinem neuen Konzept unterrichtet werden, lernen viel schneller und mit weniger Mühe, und können sich sehr frühzeitig opimal präsentieren.

FATINA: Zurück zu Deinem Tanz. Mir ist aufgefallen, daß Deine Tänze immer sehr phantasievoll sind. Die Musikauswahl ist eine besondere, die Kostüme sind sehr geschmackvoll und immer paßt alles zusammen - Choreographie, Musik, Kostüm, Requisiten.

Dein neuestes Projekt fällt völlig aus dem Rahmen. Es ist sehr futuristisch und ziemlich "abgefahren". Wie kommen Dir die Ideen?

GAUHARA: Die Ideen entstehen nachts, bevor ich einschlafe, oder wenn ich zwischendurch wach werde. Es ist die einzige Zeit, in der ich ungestört meinen Gedanken nachhängen kann. Meist wurde ich im Laufe des Tages von irgendetwas inspiriert - z.B einer Musik, einem Duft, einem Menschen, einem Kunstwerk oder anderem. Es geht dann meist sehr schnell mit der Weiterentwicklung. Es sprudelt dann alles weitere einfach aus mir heraus.

FATINA: Das nennt man wohl Begabung! Denn Du kannst es Dir doch bestimmt nicht leisten, lange über einer Aufgabe zu brüten, Du gehst noch einer anderen Beschäftigung nach.

GAUHARA: Ja, ich bin zusätzlich noch im Schuldienst, und unterrichte an einer Gesamtschule in Braunschweig.

FATINA: Man könnte vermuten Sport oder Kunst, aber das ist nicht der Fall. Du bist im sprachlichen Zweig angesiedelt.

GAUHARA: Neben einem intensiven Pädagogikstudium habe ich Deutsch und Englisch studiert und gebe zur Zeit Englischfachunterricht.

FATINA: Daß Deinem Tanzunterricht Dein Pädagogikstudium zugute kommt, steht außer Frage. Die Frauen in den Seminaren loben immer wieder Deine Art zu unterrichten. Daß es sich so leicht lerne und alles so gut verständlich erklärt würde, und der Spaß nie zu kurz käme!

Wie läßt sich das alles miteinander vereinbaren? Du bist im Schuldienst, leitest eine eigene Tanzschule, in der drei Dozentinnen mitarbeiten, gibst Workshops, gehst auf Shows und Messen, choreographierst Modenschauen, hast eine Tochter...

GAUHARA: Eine gute Organisation ist das Wesentliche, dann kann man viele Dinge leisten. Voraussetzung ist, daß das, was man tut, Spaß macht, daß im Umfeld Menschen sind, die das Ganze mittragen wollen, und - es darf nichts dazwischenkommen! Ich versuche, die Zeit wirklich zu nutzen, um Freiräume fürs Privatleben zu schaffen. Wenn ich mit meiner Tochter zusammen bin, dann bin ich wirklich für sie da. Wenn ich Unterricht gebe, mache ich das auch mit voller Konzentration, wenn ich tanze, gebe ich meine ganze Persönlichkeit hinein, und wenn ich kreativ bin, lasse ich all meiner Phantasie freien Lauf.

Früher war das etwas anders. Ich war abends total erschöpft, wenn ich aus der Tanzschule kam. Seitdem ich mein Trainingsprogramm durchziehe, bin ich viel leistungsfähiger geworden. Und das geht auch den Tänzerinnen in meinem Ensemble so.

FATINA: Wie soll die Zukunft aussehen? Hast Du Pläne?

GAUHARA: Ja. Erst einmal wird die neue Show SPACE DREAM fertiggestellt. Schon vor 3 Jahren hatte ich die erste Choreographie dazu vorgestellt, im vergangenen Jahr habe ich die Idee erweitert. Sie wird ab Herbst 1999 in Deutschland zu sehen sein, und dann werde ich häufiger in Dubai sein, bis zum Frühjahr 2000. Dort läuft ein längeres Engagement für die Tanzschule, auf das wir uns alle schon sehr freuen.

FATINA: Wie kommt man denn nach Dubai?

GAUHARA: Ich war im Winter 1998 dort und habe mich und meine Arbeit vorgestellt. Daß meine Art der Performance so großen Anklang finden würde, hatte ich selbst nicht gedacht. Es war einfach mal ein Versuch. Hinfahren und gucken was passiert.

FATINA: Wahrscheinlich hast Du genau den richtigen Nerv getroffen zur richtigen Zeit. Aber was geschieht mit der Tanzschule? Und was machst Du mit deiner Tochter?

GAUHARA: Ich selbst werde nur in den Schulferien dort sein, dann ist die Tanzschule geschlossen, und meine Tochter nehme ich mit. In der übrigen Zeit werden die Tänzerinnen aus meinem Ensemble und die Dozentinnen dort sein.

FATINA: Wird man Gauhara und ihre Tänzerinnen in Braunschweig und überregional nicht mehr so oft sehen?

GAUHARA: Doch, natürlich. Neben den Privatauftritten und kleineren Shows, auf denen wir immer gerne tanzen, werden wir uns jedoch zusätzlich mit größeren Projekten im gesamtdeutschen Raum befassen.

Für die Jahre 1999 und 2000 ist die Tanzschule unter anderem für einige Einsätze auf den führenden Messen Deutschlands gebucht, und ich selbst werde mit Workshops - besonders mit den Themen "Wege zur Perfektion" und "Wege zum Knackpopo" unterwegs sein; sowie auf einigen Shows zu Gast.

FATINA: Das hört sich alles sehr interessant an. Nimmst Du nur Tänzerinnen in Dein Ensemble auf, die Du selbst ausgebildet hast, oder können auch Tänzerinnen aus anderen Breichen bei Euch mittanzen.

GAUHARA: Selbstverständlich sind alle Tänzerinnen herzlich willkommen. Das Ensemble ist keine feste Gruppe. Wer sich einen Platz im Team erarbeitet hat, macht mit - zuerst in der Gruppe, dann auch als Solotänzerin.

FATINA: Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Du unterrichtest auch Kinder.

GAUHARA: Nachwuchssorgen habe ich nicht. Die Anzahl der teilnehmenden Kinder ist mittlerweile genauso hoch wie die der Erwachsenen. Besonders im Bereich der 5 bis 12-jährigen Mädchen liegt ein großes Potential. Wenn eine Lehrerin die positiven Anlagen sieht und die Mädchen richtig aufbaut, werden daraus Spitzentänzerinnen.

FATINA: Das scheinst Du geschafft zu haben. Als ich zum ersten Mal Deine Kinder tanzen sah, habe ich nur gestaunt. Absolut perfekt präsentierten sich diese Mädchen, ließen es an Technik, Synchronität und Freude am Tanz nicht mangeln.

Dein Lebensweg ist ein ungewöhnlicher. Deine Form, den Orientalischen Tanz zu vermitteln, und die Qualität Deiner Arbeit tragen Früchte. Du bist als Tänzerin und Lehrerin eine Bereicherung für unsere Szene. Ich wünsche Dir für Deinen weiteren Weg alles Gute, viel Kraft und Freude an Deinen neuen Projekten und vor allem immer eine gute Gesundheit.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

GAUHARA: Vielen Dank, Fatina, daß ich mich mit Dir unterhalten durfte.


Aus: "Halima", Fachzeitschrift für Orientalischen Tanz, 1999.

News und aktuelle Infos

Gauhara News und Infos

Aufgrund der Covid-19 Maßnahmen finden leider momentan weder Festivals noch Events statt. Ich hoffe, dass diese traurige Situation bald ein Ende hat und geplante Shows realisiert werden können.